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Über die systemische Wirklogik von Prüfungskultur

Prüfungen werden im öffentlichen Diskurs gern als primär pädagogisches oder didaktisches Thema verstanden. Organisationstheoretisch betrachtet sind sie jedoch ein Kernelement der Organisationskultur von Schule. Sie stellen nämlich nicht nur (oft mehr schlecht als recht) Leistung fest, sondern sind fester Bestandteil einer Regelkommunikation über Erwartungen, Zugehörigkeit und Anerkennung. Sie prägen, wie Schule und damit auch Lernende Lernen, Leistung, Fehler, Verantwortung und Entwicklung verstehen.

1. Prüfungen kommunizieren an Schülerinnen und Schüler implizit und explizit, was die Organisation als „wertvoll“ ansieht:

  • welches Wissen wichtig scheint
  • welche Kompetenzen zählen
  • wie Leistung sichtbar gemacht werden soll
  • welche Rolle Fehler im Lernprozess haben
  • ob Kooperation erwünscht oder unerwünscht ist
  • ob Kreativität eher ein Risiko oder doch Ressource ist

Damit erzeugt jede Prüfungskultur Leitunterscheidungen (Luhmann) für das pädagogische Handeln. Was geprüft wird, bestimmt, was gelernt wird; was nicht geprüft wird, wird im Zweifelsfall marginalisiert. Prüfungskultur wirkt somit als steuerndes Erwartungsgefüge.

2. Prüfungsabläufe werden in Schulen selten verändert

Oft liegt das nicht daran, dass die Rechtslage nichts anderes zuließe (auch wenn das die bequemste Begründung ist), sondern weil Prüfungen ritualisierte, kollektiv stabilisierte Praktiken darstellen. Schließlich helfen Rituale dabei:

  • Unsicherheit zu reduzieren
  • Zuständigkeiten zu klären
  • Erwartbarkeit herzustellen
  • Legitimation zu sichern

Damit wird Prüfungskultur zu einem Mechanismus zur Stabilisierung der Organisation. Sie reproduziert kulturelle Routinen, auch wenn sie sich als zunehmend problematisch erweisen. 

3. Prüfungskultur transportiert das professionelle Selbstverständnis einer Schule

Menschen, die in Schule prüfen, richten sich nicht nur nach Regeln, sondern versuchen, kongruent zwischen dem, was sie für sinnvoll halten, und dem, was sie tun, zu handeln. In vielen Fällen zeigt sich im Sprechen über Schüler:innen oder im Feedback an Schüler:innen, welches Selbstverständnis hinter dem Prüfen steht:

  • Wird Lernen als individueller Entwicklungsprozess verstanden oder steht die Allokationsfunktion im Vordergrund?
  • Wird Leistung als Ergebnis von Anstrengung, als Begabung („sie kann halt Mathe“), als Konformität („er muss halt besser aufpassen, statt Quatsch zu machen“) oder als Zuschreibung („eine fleißige Schülerin mit gut lesbarer Handschrift“) interpretiert?

In unserer Prüfungskultur verdichten sich mithin Berufsauffassung und pädagogische Haltung.

4. Prüfungen strukturieren Macht-, Rollen- und Verantwortungsverhältnisse

Bewertung ist in jeder Organisation mit Macht verbunden. Sie verteilt Chancen und Status innerhalb des Systems.

Daher sind Prüfungspraktiken immer auch:

  • Mechanismen der Zuweisung von Erfolg und Misserfolg
  • Festlegungen darüber, wer Urteile trifft und wer sie erhält

Prüfungskultur stabilisiert damit Rollenverteilungen und Machtstrukturen oder verändert sie, wenn andere Formen des Prüfens eingeführt werden und Schüler:innen selbst darüber nachdenken können, wie sie ihr Lernen unter Beweis stellen.

5. Warum sich Prüfungskultur nur selten verändert

Veränderungen an der Oberfläche (z. B. Integration von KI in Prüfungsformate oder Prüfungen auf dem Tablet statt auf Papier) lassen sich leicht implementieren. Veränderungen an der Prüfungskultur hingegen betreffen:

  • die Definition von Leistung
  • den Umgang mit Fehlern
  • die Verteilung von Macht
  • das professionelle Selbstverständnis

Daher wird Prüfungskultur im kollektiven Unbewussten einer Organisation häufig stabilisiert, selbst wenn Alternativen wünschenswert oder rechtlich möglich wären. Der Grund hierfür ist nicht in erster Linie individueller „Widerstand“, sondern Kohärenzerhaltung der Organisation.

Wer Prüfungskultur verändert, verändert letzten Endes die Kultur der Gesamtorganisation Schule. Diese Veränderung mit einer normativen Rahmung zu versehen, bei der die Demokratisierung der Schule und die Mündigkeit der Lernenden im Mittelpunkt stehen, ist unser Anliegen als Institut.