Damit Schulen sich entwickeln, braucht es Freiräume und Anreize. Solange Schulen in alten Formaten prüfen müssen, bleiben sie alte Schulen.

Diskussion

Einwände gegen zeitgemäße Prüfungskultur

Die Widerstände gegen eine Veränderung der Prüfungskultur sind stark. Schließlich geht es um einen Kernbereich der Schule als Bildungsinstitution. Die vermutlich gängigsten Einwände werden im Folgenden kurz aufgeführt und anschließend widerlegt bzw. relativiert.

Das geht nicht …

1. Klassenarbeiten und Klausuren müssen in gleichem Format, zur selben Zeit und am selben Ort geschrieben werden, weil das Prinzip der Chancengleichheit sonst nicht gegeben ist.

Das deutsche Bildungssystem ist in seiner Dreigliedrigkeit und der frühen Aufteilung in weiterführende Schulen mit unterschiedlichen Bildungsabschlüssen keineswegs auf Chancengleichheit, sondern Selektion angelegt. Chancengleichheit kann durch gesellschaftliche Teilhabe und gute schulische Betreuungsschlüssel gefördert werden, nicht durch Leistungsüberprüfung im Gleichschritt.

Im Gegenteil ist es so, dass individualisierte Leistungsüberprüfungen, bei denen eine Vielfalt an Leistungsmöglichkeiten angeboten wird, die individuellen Chancen erhöhen. Dazu ist es allerdings erforderlich, Klausuren und Klassenarbeiten so zu gestalten, dass verfügbares Wissen als Ressource genutzt und nicht als “Option zum Mogeln” betrachtet wird.

2. Leistungen werden durch Bildungsstandards normiert, und Bildungsstandards können nur durch gleichgerichtete Leistungsüberprüfungen objektiv kontrolliert werden.

Gängige Formen der Leistungsüberprüfungen übergehen die Vielfalt individueller Begabungen, Fähigkeiten und Interessen und zeugen von einem verdinglichten Leistungsverständnis. Darüber hinaus sind in der Bildungsforschung die Schwachstellen der Notenvergabe in Standard-Leistungsüberprüfungen längst bekannt (fehlende Objektivität, Validität und Reliabilität, Orientierung allein am sozialen Bezugsrahmen Klasse und der Gaußschen Normalverteilung). Über die jeweilige Klasse oder Schule hinaus haben diese Noten gängiger Leistungsüberprüfung geringen Stellenwert.

3. Lehrpläne und Bildungspläne sehen einheitlich formulierte Kompetenzen vor, die im Unterricht angebahnt und in Prüfungssituationen gezeigt werden sollen.

Curriculare Anforderungen und Kompetenzen können auch jenseits von Standard-Prüfungssituationen nachgewiesen werden; im Gegenteil ist es so, dass Leistungsüberprüfungen, die die Anstrengung der Schüler*innen während des Prozesses berücksichtigen (formative assessment) und didaktisch vielseitig sind, eher zu vermehrten Leistungschancen führen.

4. Klassenarbeiten und Klausuren unterliegen klaren schulrechtlichen Grundlagen.

Das Schulrecht bildet die Grundlage der pädagogischen und didaktischen Arbeit an den Schulen. Es darf nicht dazu missbraucht werden, das Lernen methodisch auf messbares Wissen zu reduzieren, weil es damit dem eigenen Auftrag der Förderung individueller Fähigkeiten und Neigungen zuwiderliefe.

5. Klausuren und Klassenarbeiten gängigen Musters sind eine faire und objektive Form der Leistungsbeurteilung.

Siehe oben: Klassenarbeiten und Klausuren waren und sind nie fair, weil jede Schüler*in mit völlig unterschiedlichen Voraussetzungen zur Schule kommt, weil Lehrkräfte nicht objektiv, reliabel und valide urteilen etc. Je größer das Spektrum der Leistungen ist, das Schule ermöglicht und anerkennt, desto eher ist Leistungsförderung möglich. Klassenarbeiten und Klausuren gängigen Musters sind nur “schmale Bewährungspfade” (Flitner) innerhalb des Bildungssystems.

6. Nur mit landesweit einheitlichen und normierten Leistungsüberprüfungen ist ein Zugang zu Hochschule und Beruf möglich.

Schule verliert zunehmend ihr Monopol als Gatekeeper zu Universitäten und qualifizierten Berufsausbildungen (individuelle Eingangsprüfungen, Assessment Center etc.). Mit Blick auf Arbeitskräftemangel und gleichberechtigte Teilhabe aller Menschen an der Gesellschaft ist es an der Zeit, dass sie auch ihre Selektionsfunktion überdenkt. Was Schüler*innen nach der Schule erwartet, sind kaum feste und stabile Lebensordnungen und Leistungsgefüge, in die sie hineinwachsen, indem sie eine standardisierte “Lern”- und Prüfungskultur durchlaufen, sondern eine zunehmend komplexe, von Unsicherheit und Unplanbarkeit bestimmte Welt, in der andere Kompetenzen nötig sind als Repetition von Buchwissen.

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